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Interview-Reihe: Feministische Perspektiven auf Mutterschaft, Teil 2/Interview Series: Feminist Perspectives on Motherhood, Part 2

AC609195-00DB-4E86-8AFB-1F76D003B18EFeministische Perspektiven auf Mutterschaft: NINIA

1. Was bedeutet es für dich, Mutter und Feministin zu sein?

Tatsächlich denke ich das im Alltag nicht zusammen. Ich bin selbstverständlich Feministin und ich bin Mutter. Alles, was mich ausmacht, fließt in meine Eigenschaft als Mutter ein. Ich habe noch nie gedacht: „Was muss eine feministische Mutter in dieser Situation tun?“ Ich mache einfach – manchmal reflektiere ich Dinge im Nachhinein und denke, dass ich das beim nächsten Mal vielleicht anders machen würde. Beispiel: Ich habe mich zu Beginn unserer Elternschaft manchmal bei meinem Partner bedankt, wenn er irgendwas gemacht hat, was für mich eigentlich selbstverständlich ist. Mit dem Kind früh aufgestanden, zur Ärztin gegangen usw.. Alles Sachen, die ich automatisch bei mir gesehen habe, was natürlich nicht zu einer gerechten Aufteilung der Care Arbeit beiträgt. Ich musste mir mit der Mutterschaft neu bewusst machen, was gerechte Aufteilung eigentlich heißt. Und dass ich mich weder bedanken, noch um etwas bitten muss, weil dieses Kind Aufgabe für beide Elternteile gleichermaßen ist. Das ist ein Prozess, der nicht aufhört. Vor allem, weil wir beide inzwischen wieder voll berufstätig sind. Dazu empfehle ich ausdrücklich den Blogpost von dasnuf zum Thema Mental Load.

Mutter und Feministin zu sein, bedeutet für mich aber auch solidarisch gegenüber anderen Eltern zu sein. Mir bewusst zu machen, wenn ich mich einer „Wettbewerbssituation“ ausliefere („Kann der noch gar nicht laufen?“) und sofort auszusteigen. Mir klar zu machen, wie privilegiert mein Kind und ich sind und Situationen anderer Eltern mitzudenken und mich für sie einzusetzen.

2. Wie hast du die Schwangerschaft aus feministischer Perspektive erlebt?

Ich fand es spannend, wie viele Menschen plötzlich meinten, sich neu in mein Leben einmischen zu müssen. Was ich wann zu tun habe, wie ich mich zu fühlen habe und was ich zu beachten hätte. Wenn ich erzählt habe, dass ich kurz nach der Geburt wieder arbeiten werde, haben sich Menschen teilweise künstlich kaputtgelacht und gesagt, ich werde ja schon sehen. Ich sah – und arbeitete wieder. Was natürlich nicht heißt, dass das der einzig wahre Weg ist. Aber es war mein Weg und er wurde schon im Vorhinein lächerlich gemacht. Extrem interessant dabei natürlich, dass der Vater nie gefragt wurde, wann er wieder arbeiten geht, wie er die Erziehung plant. Im Gegenteil, er wurde dafür gelobt, in Elternzeit zu gehen – egal, wie lange („Schön, dass diese modernen Väter sich Zeit für ihr Kind nehmen“, lol) und ich konnte gar nicht genug Elternzeit nehmen (die Bindung!!). Ich fühlte mich in vielen Situationen extrem unfrei – das war schade, aber ich habe auch keinen anderen Ausweg gefunden, als besonders schnell besonders selbstbewusst zu reagieren.

Was ich sonst erlebt habe, kann eins hier nachlesen.

3. Willst du dein Kind feministisch erziehen und wenn ja, wie? 

So eine große Frage! Natürlich will ich das. Wie? Ganz ehrlich, keine Ahnung. Ich mache das mit dem Muttersein auch zum ersten Mal. Ich hege die Hoffnung, dass mein Kind automatisch einiges von meiner Einstellung mitbekommen wird – das hat bei meinen Eltern und mir auch gut funktioniert. Dass das Kind sich trotzdem seinen eigenen Blick auf die Welt erarbeiten wird und ich dabei unterstützen kann. Ich achte darauf, ihm jetzt schon zu zeigen, dass es anziehen kann, was es mag und nicht nur das, was Verkäufer*innen und Gesellschaft ihm erzählen. Genauso beim Spielzeug. Ich mag Kinderbücher, die divers sind und verschiedene Kinder und Familienmodelle abbilden. Ich werde nichts verbieten, aber Gespräche anregen, wenn es sich später Dinge anschauen will, die ich nicht gut finde – oder es Äußerungen macht, über die es nochmal nachdenken könnte.

4. In den letzten Jahren wurde viel über regretting motherhood diskutiert. Welchen Hürden begegnest du als Mutter?

Treppen. Überall Treppenstufen. Ich hasse sie alle. Ansonsten: Die erste große Hürde ist die Politik. Eine Familienpolitik, die sich immer noch am klassischen 50er-Jahre-Familienmodell orientiert, die es nicht schafft, das Ehegattensplitting abzuschaffen, die Zweifel daran hat, dass Kinder in allen Familienmodellen geborgen aufwachsen können, die Alleinerziehende im Regen stehenlässt, hat für mich den Namen „Familienpolitik“ nicht verdient. Zweite Hürde: die Gesellschaft. Das klingt immer groß, fängt aber schon im Kleinen an – bei Freund*innen, Kolleg*innen, Auftraggeber*innen. Wenn mich jemand bucht und ich gefragt werde, ob ich mit Kind komme, ob ein entsprechendes Zimmer gebucht werden soll und ich eine Betreuung brauche, dann macht mein Herz einen kleinen Hüpfer. Das ist die Ausnahme – obwohl es selbstverständlich sein sollte. Stattdessen werde ich auf Veranstaltungen gefragt, wo mein Kind sei. Der Vater wird das übrigens nie gefragt, wenn er alleine unterwegs ist. Gesellschaft aber auch als Gesamtheit, die Kinder zwar toleriert, aber nicht einschließt. Kinder stören, immer und überall. Und das nervt mich. Ich gehe mit voller Absicht nicht nur in Mutter-Kind-Cafés (was für ein schrecklicher Ausdruck btw!), sondern nehme das Kind überall mit hin. Sollen die Leute doch die Augen verdrehen. Und wehe, sie sagen was oder atmen besonders genervt aus. Dann bin ich direkt on fire. Alle waren mal Kinder. Diese kleinen Leute sorgen später für uns und kümmern sich darum, dass die Welt sich weiter dreht. Dann dürfen sie uns vorher auch gern ordentlich auf die Nerven gehen.

5. Was hilft dir dabei, mit diesen Hürden umzugehen?

Gespräche mit anderen tollen Müttern, der Austausch über das Netz, Pommes, viel Kaffee und manchmal wütend weinen – dann geht’s wieder.

Ninia LaGrande (*1983) lebt in Hannover. Sie kann alles, was mit Worten zu tun hat und arbeitet als Moderatorin, Autorin und Slam Poetin. Außerdem produziert sie regelmäßig verschiedene Podcastformate zu den Themen Feminismus, Popkultur, Elternschaft, Literatur. Sie ist Geschäftsführerin des Büro für Popkultur und Vorsitzende des Beirates zur Bewerbung Hannovers als Kulturhauptstadt 2025. Für ihre Arbeit und ihr Engagement wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Sie reist gerne mit dem Wohnmobil und mag Nilpferde, Quallen und Pasta.

 


Feminist Perspectives on Motherhood: NINIA

1. What does being a mother and a feminist mean to you? 

In fact, I don’t think both of these together in my everyday life. Of course, I am a feminist and I am a mother. Everything that makes me who I am flows into my capacity as a mother. I have never thought, “What does a feminist mother have to do in this situation?”. I just do it – sometimes I reflect on things in hindsight and think I might do it differently next time. For example: At the beginning of our parenthood, I sometimes thanked my partner for doing something that was self-evident to me. Getting up early with the child, going to the doctor, etc. All of these are things that I have automatically done, which, of course, does not contribute to organising care work in a fair manner. Becoming a mother meant re-educating myself about what fair sharing means. And that I neither have to thank nor ask for anything, because this child is a task for both parents alike. This process doesn’t stop. Most of all, because both of us are now fully back to work. In addition, I strongly recommend the blog post of dasnuf on the subject of mental load.

But to me, being a mother and a feminist also means showing solidarity towards other parents. This entails increasing my awareness for recognising when I get involved in a “competitive battle” (“He can’t even walk yet?”), and getting out of it immediately. And reflecting on how privileged my child and I are, considering other parents’ situations and advocating for them too.

2.  How did you experience pregnancy from a feminist perspective?

It was fascinating how many people suddenly thought they had a right to interfere with my life. They told me what I have to do and when, how I have to feel and what I should pay attention to. When I said that I would get back to work shortly after giving birth, some people laughed out loud and said: you’ll see. I saw – and went back to work. Which, of course, doesn’t mean that this is the only way to do it. But it was my way and it was already ridiculed in advance. In of all that, it was extremely interesting that the father, in turn, was never asked when he would go back to work or what his thoughts on raising a child were. On the contrary, he was even praised for taking parental leave – no matter how long (“Awesome that these modern dads take time for their child,” lol). Where I, on the other hand, could never take enough parental leave (the bonding!!). In many situations, I felt extremely unfree  –  that is a shame, but I also haven’t found any other strategy than reacting as quickly as possible in the most self-confident way.

You can read about my other experiences here.

3. Do you want to raise your children feminist and if so, how?

Such a big question! Of course I want to. How? Honestly, no idea. I’m doing this whole motherhood-thing for the first time, too. I hope that my child will automatically get some of my attitude – after all, that worked well for my parents and me. And yet, I hope that my child will develop its own view of the world and that I can support it in doing so. I already make sure to show it that it can dress however it likes and not just how salespeople and society tell it. Same goes for toys. I like children’s books that are diverse and depict different children and family models. I won’t prohibit anything, but encourage discussion, if later on my child might want to look at things I don’t like or make statements that it think may be worth reconsidering.

4. In recent years there have been vivid discussions about regretting motherhood. Which obstacles do you encounter as a mother?

Stairs. Stairs everywhere. I hate them all. Otherwise: The first major obstacle is politics. A family policy that is still based on the classic ’50s family model that does not succeed at disposing of “spouse splitting” (tax splitting for married couples in Germany), which doubts that children can grow up safely in all family models and leaves single parents out in the cold – in my opinion, such a policy does not deserve to be called “family policy“. Second obstacle: society. That always sounds big, but it starts on a small scale – with friends, colleagues, clients. When someone books me and I’m asked if I come with a child, if an appropriate room should be booked and if I need child care, my heart makes a little jump. That’s the exception – though it should be normal. Instead, at most events, I get asked where my child is. Needless to say, nobody poses these questions to the father. Another obstacle: Society as a whole, that tolerates children but does not include them. Children are considered annoying, always and everywhere. And that annoys me. I deliberately don’t only go to mother-and-child cafes (what a horrible term btw!), but take the kid everywhere. Let people roll their eyes. But if they dare to say something or exhale in an annoyed way, then I’m on fire. Everyone was a kid once. These little people will take care of us in the future and make sure the world keeps turning. Until then, they surely should be allowed to annoy us for a little while.

5. What helps you deal with these obstacles?

Conversations with other awesome moms, the exchange over the internet, fries, a lot of coffee and sometimes angry tears – then I can move on.

 

 

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