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Interview-Reihe: Feministische Perspektiven auf Mutterschaft, Teil 4/Interview Series: Feminist Perspectives on Motherhood, Part 4

AC609195-00DB-4E86-8AFB-1F76D003B18EFeministische Perspektiven auf Mutterschaft: LEENA

  1. Was bedeutet es für dich, Mutter und Feministin zu sein? 

Feministin und Mutter zu sein heißt für mich, im eigenen Umgang mit den Kindern – vom ersten Tag an und immer mehr, je älter sie werden – sensibel zu sein für ihr Körperempfinden, ihre körperliche Freiheit und Selbstbestimmung, ihre seelische Freiheit und ihren Umgang mit Emotionen; sie mit möglichst großer Umsicht zu wappnen gegen die Gendervorschriften und -verbote, die die binär gestaltete Gesellschaft an sie heranträgt. Mein Anliegen war und ist es, meine Kinder zuallererst als Personen zu sehen – auch wenn wir sie nach ihren biologischen Gegebenheiten namentlich und in der Fremdidentifikation gegendert haben, unter anderem, weil die Gesetzeslage zum Zeitpunkt ihrer Geburt das so vorschrieb. Ich war bedacht darauf, sie gleichermaßen liebevoll und konsequent zu behandeln, und ihnen in der Wahl der Kleidung, Spielzeuge und anderen Aspekten des Lebens nicht mit gegenderten Erwartungen zu begegnen, sondern in allem offen zu sein für die Vorlieben und Eigenschaften, die sie aus sich selbst mitbringen.
Es bedeutet auch, leider, offen oder im Zwiegespräch nur mit den Kindern, mit den Gendererwartungen der Umwelt umzugehen – ihnen zu sagen, dass sie „dürfen“, was sie möchten oder brauchen, egal, ob sie sich als Mädchen oder Junge empfinden.

2. Wie hast du die Schwangerschaft aus feministischer Perspektive erlebt?

Die Schwangerschaft fand ich aus feministischer Perspektive zwiespältig – die körperlichen Unterschiede zwischen einem Körper mit und ohne Uterus lassen sich nicht leugnen, aber wieviel Einfluss darf das auf unser Leben haben? Ich wollte weiter als ganz normale Person behandelt werden, gleichzeitig bringt eine Schwangerschaft aber eben (für manche) doch auch die Notwendigkeit mit sich, körperlich mehr Rücksicht zu nehmen. In der Schwangerschaft habe ich gerade aus dem Bedürfnis, gleichberechtigt, gleichwertig zu sein, manches mal vielleicht nicht eine Grenze gezogen, was Beanspruchung und Anstrengung anging.
Ansonsten fand ich allerdings die Stillzeit, für die ich mich gerne und ohne Zweifel entschieden habe, und die Konsequenzen davon noch viel spannungsreicher. Während das Kind in einem heranreift, können Aufgaben der Eltern nicht umverteilt werden (leider, die zweiter Schwangerschaft hätte ich zu gerne meinem Mann überlassen!) – aber wenn das Kind geboren ist und für den Lebenserhalt von der Milchproduktion der Mutter abhängig, wird es wichtig, mit Bedacht die Aufgaben zu verteilen – damit nicht beide Eltern, in einer „herkömmlichen“ binären Beziehung wie unserer, sich zu leicht in der traditionellen Rollenverteilung einrichten. Da mussten wir beide sehr viel sprechen, um unseren Bedürfnissen – nach Bindung zum Kind UND nach Freiräumen für uns als Person – gerecht zu werden!

3. Willst du deine Kinder feministisch erziehen und wenn ja, wie?

Ich hoffe, dass ich sagen darf, ich erziehe meine Kinder feministisch! Wie oben beschrieben, im Umgang mit ihnen als Personen, deren Eigenschaften und Bedürfnisse nicht durch die Geschlechtsteile bestimmt werden; aber auch damit, ihnen mit meinem Partner vorzuleben, dass auch wir nicht durch unsere Geschlechter durch und durch bestimmt werden. Auch Medien und von außen herangetragene Erwartungen diskutiere ich altersangemessen mit beiden, und bemühe mich, ihnen Diversität und die Freiheit der individuellen Wahl aufzuzeigen.

4. In den letzten Jahren wurde viel über regretting motherhood diskutiert. Welchen Hürden begegnest du als Mutter?

Die Hürden haben sich mit dem Älterwerden der Kinder verändert. In den frühen Jahren war es vor allem das Ringen um Freiräume von den basalen Bedürfnissen anderer – Zeiten zu haben, in denen ich nicht von anderen berührt oder gebraucht wurde. Heute mit etwas älteren Kinder begegne ich vor allem der Hürde, dass berufstätige Eltern je nach Geschlecht sehr unterschiedlich belohnt bzw. bestraft werden für ihre Entscheidung, Beruf und Familie zu haben. Einige Zeit lang waren mein Partner und ich beide auf der Suche nach Festanstellung; während er niemals gefragt wurde, wie er das mit den Kindern macht, mit 40Std. pro Woche, war das eine Standardfrage in meinen Vorstellungsgesprächen. Ein Vater ist sesshaft, verantwortungsbewusst, zuverlässig; eine Mutter ist doppelbelastet, ein Teilzeit-Risiko und möglicherweise ständig bei kranken Kindern zu Hause. Diese Ungerechtigkeit hat mich in den vergangenen Jahren am meisten verletzt – ich liebe die Menschen, die ich geboren habe, aber manchmal frage ich mich, was ich hätte erreichen können, wenn ich sie nicht geboren hätte.

5. Was hilft dir dabei, mit diesen Hürden umzugehen?

Mit der Entscheidung, mich selbständig zu machen, habe ich mich in doppelter Hinsicht aus dieser Falle befreit – oder es zumindest versucht. Als Selbständige finde ich leichter Aufgaben, und wenn es noch so kleine sind, die ich mir gleichzeitig besser so einteilen kann, dass mein Berufs- und Familienleben in Balance bleiben. Ich muss mich nicht als Mutter verbiegen, um in die Schablone zu passen, die ein Arbeitsvertrag anlegt, sondern ich kann selbst entscheiden, wie viel Zeit ich in meine unterschiedlichen Aufgaben investiere. Je nach Klient und Aufgabe kann ich das Mutter-Sein sogar als Vorteil anbringen. Ich habe mir damit eine größere Selbstwirksamkeit geschaffen.
Was außerdem entscheidend für mein Wohlbefinden war: Den Wert meiner Arbeit als Mutter – eben mit dem Anspruch, feministisch zu erziehen – höher einzuschätzen und nicht am Lohn (nämlich keinem Geldwert) zu messen. Kinder erziehen und für ihre Bedürfnisse zu sorgen, körperlich und sozial, ist mit Sicherheit nicht die einzige Aufgabe, die ich brauche, um erfüllt zu sein, aber ich lerne, mich von dem Glaubenssatz zu lösen, dass der Wert einer Tätigkeit sich auf dem Konto niederschlagen muss. Schön ist es, wenn er das tut, aber was ich leiste, ist nicht nichts, bloß weil niemand mir Geld dafür zahlt.

Ich bin 41, Mutter zweier Kinder (8 und 4) und nach Studium und Arbeit in der Werbung in der Mitte (hoffentlich) meines Lebens noch einmal wieder ganz am Anfang. Letztes Jahr habe ich mich als Social Media Manager aus einer unfreiwilligen Berufslosigkeit selbständig gemacht; im Moment wachse ich allerdings viel stärker in mein Selbstverständnis und in das Berufsbild als Schreibende – Autorin, Bloggerin – hinein.
Seit 2012 führe ich das Blog frauenfiguren.de; was ursprünglich ein Hobby neben dem Beruf war, hat mir in den vergangenen Jahren ein bisschen das Leben gerettet, weil es mir Struktur, Ziel und auch ein bisschen Anerkennung gegeben hat. Geld leider keins. 🙂 

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Feminist Perspectives on Motherhood: LEENA

1. What does being a mother and a feminist mean to you? 

To me, being a feminist and a mother means – from the first day onwards and increasingly so, the older they get – being sensitive to their body awareness, their physical freedom and self-determination, their emotional freedom and the emotions they deal with; to arm them with the greatest possible caution against the gender regulations and prohibitions that our binary society seeks to impose on them. My concern was and is to see my children first and foremost as persons – even though we have gendered them according to their biological condition by their name and thereby the way they will be identified by others in the foreign identification, mainly because the law at the time of their birth required that. I was concerned to raise them both lovingly and resolutely, and aimed to approach them without gendered expectations in the choice of clothes, toys, and other aspects of life. Instead, I wanted to be open for their own preferences and qualities.

Unfortunately, this also entails dealing openly, or in dialogue with my children, with the environment’s gender expectations – to tell them that they are “allowed” to do what they want or need to do, whether they feel they are girls or boys.

 

2.  How did you experience pregnancy from a feminist perspective?

From a feminist perspective,  pregnancy was ambiguous  – the physical differences between a body with and without an uterus cannot be denied, but how much is that allowed to influence our lives? I wanted to continue to be treated as a normal person, but at the same time (for some), pregnancy also means that it is necessary to be more aware of ones physical condition. During my pregnancy, I sometimes – possibly due to my urge to be equal – did not set my limits clearly enough when it came to stress and exhaustion.

Otherwise, however, I found breast-feeding, for which I had opted gladly and without doubt and its consequences of it even more charged. While the child grows in one, parents’ tasks can not be redistributed (unfortunately, I would have liked to leave the second pregnancy to my husband!) – but if the child is born and dependent on the mother’s milk for life support, it becomes important to divide the tasks wisely – so that both parents, in a “conventional” binary relationship like ours, don’t get used to classic gender roles and its divisions. Therefore,  both of us had to talk a lot, to meet our needs – both for attachment to the child AND for free space for us as individuals.

 

3. Do you want to raise your children feminist and if so, how?

I hope to be able to say that I do raise my children feminist! As described above, I do so by dealing with them as individuals whose characteristics and needs are not determined by their genitals; but also by showing them, together with my partner, that we too are not determined by our sexes. I also discuss media and social expectations with both – as much as their age allows –  and strive to show them diversity and the freedom of individual choice.

 

4. In recent years there have been vivid discussions about regretting motherhood. Which obstacles do you encounter as a mother?

The obstacles have changed as my children grew older. In the early years, the struggle was mostly about freedom from the basal needs of others – finding time when I was not touched or needed by others. Today, with older children, I encounter the obstacle that working parents, depending on their gender, are being rewarded or punished for their decision to work while having a family very differently. For some time my partner and I were both looking for permanent employment; while he was never asked how he deals with the kids, at 40h. per week, that was a standard question in my job interviews. A father is sedentary, responsible, reliable; a mother is double-burdened, a part-time risk, and possibly constantly at home with sick children. This injustice has hurt me the most in the past few years – I love the people I gave birth to, but sometimes I wonder what I could have achieved if I had not given birth to them.

 

5. What helps you deal with these obstacles?

With the decision to become self-employed, I managed to free myself from this trap in two ways – or at least I tried to do so. As a self-employed person, it is easier to find tasks which allow me to organize myself better so that my work and family life remain in balance. I do not have to make myself fit into the template created by an employment contract, but I can decide for myself how much time I invest in my different tasks. Depending on the client and the task, I can even use motherhood as an advantage. Thereby, I have created a greater self-efficacy.

Equally crucial for my well being: valuing my work as a mother more – essentially with the aim to raise my children feminist –  and not to measure it in terms of pay (or any monetary value). Educating children and taking care of their needs, both physically and socially, is certainly not the only job I need to feel fulfilled, but I am learning to break away from the belief that the value of an activity is reflected in the pay check. It is nice if it does, but what I am doing is not insignificant just because nobody pays me to do it.

I am 41, mother of two children (8 and 4) and after studying and working in advertising, in the middle (hopefully) of my life, I am once again at the very beginning. Last year, after involuntary joblessness, I became self-employed as a Social Media Manager. At the moment, however, I’m growing much more into my self-image and into the profession of a writer – author, blogger.
Since 2012 I run the blog frauenfiguren.de. What was originally a hobby besides my job has saved my life a little in the past few years because it has given me structure, a goal and also a bit of recognition. Unfortunately no money. 🙂

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